Odyssey/Videopac Essay

In den frühen 70er Jahren war Magnavox ein Vorreiter in der Videospieleindustrie. Im Januar 1972 schafften sie es, das erste Heim-Videospiel, das Odyssey1, auf den Markt zu bringen. In diesem Jahr wurden über 100.000 Stück zu je 100 US$ davon verkauft. Verglichen mit späteren 8- und 16-bit Videospielen war das Odyssey1 sehr primitiv. Das System konnte nur schwarze und weiße Blöcke darstellen, sich bewegende Punkte und einfache gerade Linien. Es konnte keine Spielstände zählen, keine Hintergrund-Grafiken darstellen und auch keine Töne ausgeben. Dem Gerät folgten bald einige Nachfolgemodelle, jedes mit kleinen technischen Verbesserungen und Spielvariationen.

Zu diesem Thema gibt es zahlreiche weitere Informationen in Shaun "Loomis" Gegans umfassenden Magnavox Odyssey1 FAQ. Diese FAQ findet Ihr unter http://www.digitpress.com/faq/odyssey1.txt. Shaun Gegans eMail-Adresse ist loomis@neo.lrun.com.

1974 liierte Magnavox mit Philips Electronics, dem Hitech-Giganten, der für solch bahnbrechende Innovationen wie beispielsweise die Compact Disc verantwortlich ist. Zusammen wurden diese zwei Firmen zu Philips Consumer Electronics. Der Firmensitz ist in Knoxville, Tennessee, und ihre Homepage auf http://www.philipsmagnavox.com/index.html.

1978 war Magnavox eine Tochtergesellschaft von North American Philips und brachte ein völlig neues Videospielsystem auf den Markt: Das Odyssey2.

Das originale Odyssey (Anm. d. Red.: Gemeint ist das Odyssey1) hatte eine Reihe von wechselbaren Platinen-Karten, die das "Pong"-ähnliche Gameplay veränderten, um zusätzliche Spielvarianten zu erhalten. Das Odyssey2 war ein großer Sprung vorwärts, denn es konnte 2 KB große ROM-Module (Read Only Memory = Nur Lese-Speicher) abspielen. Durch diese Innovation konnte jedes Spiel ein völlig unabhängige Welt sein, mit seiner eigenen Hintergrundgrafik, Vordergrundgrafik, Gameplay, Punktezählung und Musik. Das Potential war enorm, da jeder die Spiele kaufen konnte, die ihn interessierten. Der Spieler konnte sich eine auf ihn zugeschnittene Spielebibliothek anlegen.

Im Gegensatz zu allen anderen Systemen dieser Zeit hatte das Odyssey2 eine komplette alphanumerische Tastatur, die benutzt wurde, um Lernspiele zu bedienen, Optionen auszuwählen oder Programme zu schreiben. In Europa wurde dieses System als der Philips G7000 Videopac Computer verkauft.

Das Odyssey2 benutzte das Standard-Joystickdesign der 70er und 80er Jahre: Einen schwarzen Joystick durchschnittlicher Größe, der in der linken Hand gehalten wurde, mit einem Acht-Wege Joystick, der mit der rechten Hand bedient wurde. In der linken oberen Ecke war ein "Action-Taste". Noch drei oder vier Jahre später, als Atari, Intellivision und einige Drittanbieter Hardware herstellten, waren viele Leute der Meinung, daß der Odyssey2 Joystick nach wie vor der beste sei.

Das Gerät verkaufte sich in den USA einigermaßen gut, in Europa und Brasilien sogar sehr gut. 1977 brachte Atari sein programmierbares Heimvideospiel auf den Markt, das VCS 2600, und sie hatten eine weitaus bessere Marketingkampagne. Wer immer die Geschäfte von Atari auch leitete, sie wußten was sie taten, und in relativ kurzer Zeit hatten sie mehr Spiele auf dem Markt, jedes mit mehr Optionen als die Odyssey2-Spiele. 1981 hatte Atari das Odyssey2-System weit hinter sich gelassen. Nichtsdestotrotz unterstützte Magnavox das System weiter, und die Programmierer machten ständig Fortschritte im Gameplay und in der Grafik. Auch ohne massive Unterstützung von Drittanbietern wurden alleine in den USA bis 1983 über eine Million Odyssey2 Grundgeräte verkauft.

Nach einiger Zeit begriffen die Odyssey2 Fans aber, daß es keine Unterstützung von Drittanbietern für ihr System geben würde, wodurch die Anzahl der neuen Spiele sehr gering war. Ohne Wissen der amerikanischen Spieler veranlaßte der Erfolg des Philips G7000 in Übersee zwei Firmen, Spiele für das System zu produzieren: Parker Brothers veröffentlichten "Popeye", "Frogger", "Q*Bert" und "Super Cobra", während Imagic hervorragende Versionen ihrer Hits "Demon Attack" und "Atlantis" auf den Markt brachten. 1983 wurden die zwei Imagic-Spiele endlich auch in den USA veröffentlicht. Sie wurden beide zu Bestsellern am Odyssey2.

Zur Zeit ihrer Veröffentlichung waren die Originalspiele fürs Odyssey2 äußerst bemerkenswert. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie viele Rennspiel-Liebhaber ihre Wochenenden mit "Speedway!/Spin-Out!/Crypto-Logic!" verbrachten. Das Röhren der Motoren, Verfolgungsjagden mit höchster Geschwindigkeit und enge Kurven! Die explosiven Crashes! Oh ja, diese Stunden möchte niemand missen. Neben den Rennspielen konnte man mit Freunden den Weltfrieden zerstören, indem man die Panzer, Flugzeuge und U-Boote des Gegners in "Sub Chase!/Armored Encounter!" vernichtete. Und mit "Bowling/Basketball!" wurde all den Odyssey2-Besitzern ... nun, äh, langweilig. Das war wirklich fade. (Anm. d. Red.: Geschmacksache - wir hatten mit Bowling und Basketball einigen Spaß! Blöd nur, daß unser Großvater meinen Cousin und mich bei Bowling regelmäßig deklassierte ...)

Eine Innovation, die über Jahre hinweg von keinem anderen System erreicht wurde, war das Modul "Computer Intro!". Es war kein Spiel, das war ein System, mit dem man die Programmiersprache Assembler lernen konnte. Mitgeliefert wurde ein umfangreiches Anleitungsheft. Man konnte das Odyssey2 damit tatsächlich programmieren! Während nur wenige Leute die Geduld hatten, damit zu arbeiten, war es für jene, die es taten, ein Erfahrungsschatz, den sie für immer behalten werden.

Unter den ersten Spielen waren viele durchschnittliche Sportsimulationen wie Baseball, Football und Hockey/Soccer. Letzteres barg eine Besonderheit, denn wenn sich ein Puck genau zwischen zwei gegnerischen Spielern befand, drehten diese sich um ihre eigene Achse und schlugen dabei in einer wilden Rauferei mit den Stöcken aufeinander ein. Es ist anzunehmen, daß es sich dabei eher um einen Programmierfehler als um ein gewolltes Feature handelt, aber es verlieh dem Spiel auf jeden Fall Charme. Jahre später veröffentlichte Mattel einige wirklich außergewöhnliche Sportspiele für das Atari 2600, die alles bisher dagewesene am Atari 2600, Odyssey2 oder Bally Astrovision übertroffen. Unglücklicherweise waren die Leute bei Magnavox der Überzeugung, auf dem Odyssey2 wären Spiele dieser Komplexität nicht möglich oder wäre nicht profitabel. Zu schade, denn viele Videospieler waren auch Sportfans. Als sie sahen, daß Mattels Spiele fürs Atari-System die Odyssey2-Games weit übertrafen, war das keine gute Werbung fürs O2 und es war vielleicht ein Grund dafür, daß das Gerät Marktanteile verlor.

Die Module der Challenger Serie mit erweitertem Speicher waren der Grund dafür, daß die Leute das System liebten. Die Kapazität dieser Module war auf 4 KB ROM verdoppelt. "U.F.O.!" war mehr oder weniger die Odyssey2-Version von Asteroids, und es war fantastisch. Im Gegensatz zum Atari 2600 konnte das Odyssey2 bis zu 16 bewegte Objekte gleichzeitig darstellen, so gab es nie dieses so schreckliche "Atari-Flackern", das so viele deren Spielfiguren wie durchsichtige Geister aussehen ließ. Nirgendwo war dieser Vorteil des Odyssey besser zu sehen als bei "U.F.O.!". Ein weiterer starker Titel dieser Serie war "Freedom Fighters!", angelehnt an den Arcadehit Defender. Die Heimversion von Defender für das Atari 2600 spielte sich großartig, flackerte aber furchtbar. Der Odyssey2 Klone hatte größere Spielfiguren, kein Flackern und fließenderes Gameplay, war somit in dieser Hinsicht überlegen. Auf der anderen Seite bot die Atari-Version die Landschaft und den Viewer. Man hatte dadurch das Gefühl, über ein ausgedehntes Gelände zu fliegen, ein Gefühl, das man in der O2-Version völlig vermißte.

Beim Stichwort originelle Spiele denken viele an die entzückende Animation der umherkletternden Affen in "Monkeyshines!". Und beim Stichwort Klones kam niemand näher an die Spielhallenversion von Pac-Man heran als der Odyssey2 Klassiker "K.C. Munchkin!". Im Gegensatz zur - offen gesagt - wirklich häßlichen Version von Pac-Man, die Atari auf die Spieler losließ, hatte "K.C. Munchkin!" große Monster in leuchtenden Farben, mit feiner Animation, und nicht die Spur dieses "Atari Flackerns", das Pac-Man quälte. Unglücklicherweise kam Magnavox etwas "zu nah" ans Original, und es stellte sich heraus, daß das Spiel Ataris Patentrechte verletzte. Magnavox mußte K.C. vom Markt nehmen. Aber bald darauf veröffentlichte Magnavox sein allererstes Sequel, "K.C.'s Krazy Chase". Darin sauste der originale K.C. in einem ähnlichen Labyrinth herum, allerdings mit völlig neuem Spielablauf: K.C. mußte gegen den schrecklichen "Dratapillar" kämpfen. Das Spiel ist sehr schwer jemandem zu erklären, der es noch nie gesehen hat, aber wenn man sich eine Mischung aus Pac-Man und Centipede vorstellt, kommt man damit schon recht nahe.

Eines der stärksten Argumente des Systems war die exzellente Sprachsynthesizer-Einheit, die als eine Erweiterung für Sprache, Musik und erweiterte Soundeffekte veröffentlicht wurde. Verglichen mit ähnlichen Systemen, die später für das Atari 2600 und Mattel Intellivision auf den Markt kamen, war "The Voice Of Odyssey2" das mit Abstand beste Produkt.

Berühmt wurde das Odyssey2 durch die bahnbrechende Verbindung von Brett- und Videospiel: Die Master Strategy Serie. Das erste Spiel in dieser Reihe war das augenblicklich zum Klassiker avancierte "The Quest For The Rings!", mit einem Spielablauf, der irgendwie an Dungeons und Dragons erinnerte und einer Handlung, die an J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe" angelehnt war. Für mich gab es nichts, das diesem Spiel das Wasser reichen konnte.

Gegen Ende der kommerziellen Lebensspanne des Systems, schafften es die Programmierer, immer mehr Power aus dieser Maschine zu holen, und sie veröffentlichten Spiele wie "Attack Of The Timelord!", "Turtles!", "Killer Bees!" und "Power Lords!". All diese Spiele hatten detailliertere Grafik, schnelles und spannendes Gameplay, und gutes Design. Imagic veröffentlichte sogar eine Odyssey2 Version von Atlantis, die all den Zauber und großteils auch die Grafik der Atari 2600 Version enthielt. Während die Odyssey2 Besitzer traurig waren, daß das System vielleicht seinen Platz im Videospielemarkt verlor, ist es gut, daß es auf einem so hohen Level ausstieg.

Tatsächlich war das aber noch nicht das Ende der Geschichte, denn es gab ein Odyssey3. Ja, es wurde in Europa als Philips G7400 veröffentlicht. Um mehr darüber zu erfahren, lest meine Odyssey2/Odyssey3 FAQ.

Viel Spaß beim Spielen!

Robert D. Kaiser


Erstellt am 22.07.98. Zuletzt bearbeitet am 08.09.03.